KonzertkritikSüdkurier, 22.11.2005:Rollendes Unheil und intime Süße - Der evangelische Kammerchor konzertiert unter Mitwirkung von Solisten in der St.Oswald-Kirche Dvoráks Messe in D-Dur bildete den Mittelpunkt des sehr gut besuchten geistlichen Konzerts in der katholischen St. Oswald- Kirche. Ausführende waren neben dem von Mathias Trost geleiteten evangelischen Kammerchor die stimmschönen Solisten Mélanie Boisvert (Sopran), Gabriele Grund (Alt), Ulrich Müller-Adam (Tenor) und der in unserer Region bekannte Bass Christian Feichtmair. Musikalische Begleiterin und Mitgestalterin an der Orgel war Dina Trost, seit 1994 Kirchenmusikerin an der Pfullendorfer Pfarrei St. Jakobus.
Bevor sich alle Mitwirkenden für den nachfolgenden Dvorák auf der Orgel- Empore installierten und somit den Blicken der Kirchenbesucher entschwanden, postierte sich der homogen zusammenwirkende Kammerchor im Altarraum. "O magnum mysterium et admirable sacramentum" besangen sie in vielstimmig verhalten getragener Sakralität mit dem amerikanischen Zeitgenossen Morten Lauridsen die Vision der Geburt Christi. In Vorbereitung auf die Dvorák- Messe gab es zunächst dessen für Klavier und Singstimme komponierten "zehn biblische Lieder" zu hören, bei denen die Orgel den Part des Klaviers zu übernehmen versuchte. Keine leichte Kost, die dem Hörer in der etwas schwierigen Akkustik einiges an Konzentrationsvermögen abverlangte. Die zehn Strophen, von der Altistin mit viel Tremolo im kräftigen, dunklen Timbre fast asketisch schlicht deklamiert, sind Zeugnisse individueller Frömmigkeit: Stille Gebete, die sich, alle musikalische Rhetorik abstreifend, unmittelbar an Gott wenden. In der Interpretation bewegte sich die Orgel zwischen Passagen mächtig rollenden Unheils und intimer Süße voller Zuversicht. Muntere, jahrmarktähnliche Orgelklänge bekräftigten die Kunde der Altistin von den Wassern Babylons, wo jene, die das Volk Israels gefangen hielten, befahlen: "Singet und spielet. Wir wollen Zions Freudenlied". Die Texte (schwer verständlich, aber im Programmheft mitzulesen), sprechen von der Verehrung und der Furcht des Herrn, von der Todesangst der Menschen, von der Zuversicht auf die Hilfe des Höchsten. Inspiriert, teilweise mit geschlossenen Augen den Blick tief ins Innerste gerichtet, lauschten dann die Kirchenbesucher der auf lateinisch gesungenen Dvorák-Messe in der beliebten Orgelfassung. Gleich das Kyrie beeindruckte durch die motivische Konzentration seines durchbrochenen, belebt fließenden Satzes. In eine jubelnde Amen-Coda gipfelte das in vier Abschnitten gestaltete Gloria mit seinem antiphonalen Wechselspiel zwischen geteilten Frauen- und geteilten Männerstimmen. Fesselnde Klangfarben wurden im Credo erlebt, dessen erster und fünfter Teil von böhmischer Volksmusik geprägt ist. Im Sanctus, von den Sopranstimmen in fröhlicher Frische eingeleitet, bewegten sich Singstimmen und Orgel klangintensiv und prächtig zwischen Pianissimo und Fortissimo, während sich das Benedictus nach ausführlichem Orgelvorspiel eher zurückgenommen gestaltete. Von ergreifender Wirkung war das in äußerster Zartheit verklingende Agnus Dei. Sekundenlangem Nachspüren folgte enthusiastischer Applaus, der in stehende Ovationen mündete, als sich der Dirigent mit den stimmschönen Solisten am Emporengeländer zeigte. Gabi Rieger und als Nachschlag drei Tage später: SO IST'S RICHTIG Kein Protestantenchor Der Stockacher Kammerchor hat in seinen Reihen auch evangelische Sängerinnen und Sänger. Deswegen ist er gleichwohl jedoch noch lange kein evangelischer Klangkörper, wie im Bericht über das jüngste Konzert des Chores versehentlich in der Überschrift vermerkt war. Wir bedauern dies und bestätigen: Der Chor singt absolut überkonfessionell. (jöb) Programm
Der 1946 geborene Komponist Morten Lauridsen ist einer der am meisten aufgeführten zeitgenössischen Komponisten Amerikas. In seinem reichhaltigen Chorschaffen gelingt ihm immer wieder die Verknüpfung von Elementen der Tonsprache unserer Zeit mit traditionellen Techniken. Seine 1994 uraufgeführte Motette "O magnum mysterium", die zu Beginn des heutigen Konzertes zu hören ist, rückt die Person Jesus ins Zentrum der Betrachtung und schlägt mit dem Ausblick auf dessen Geburt gewissermaßen eine Brücke vom Christkönigfest, das wir heute begehen, zum bevorstehenden Fest der Christgeburt. Antonin Dvorak (1841-1904) komponierte seine "Biblischen Lieder" während seines dreijährigen Aufenthaltes in Amerika. Er war im Herbst 1892 nach New York als Direktor des Konservatoriums für Musik berufen worden und versah dieses Amt bis zum Frühjahr 1895. Die "Biblischen Lieder" für Singstimme und Klavier entstanden in nur drei Wochen vom 5. bis 26. März 1894. Kurz vor der Komposition erreichte ihn aus Europa die Nachricht, dass die zwei bedeutenden, allgemein bekannten Komponisten P.I. Tschaikowski und Ch. Gounod gestorben waren und kurz nach ihnen Hans von Bülow, der glänzende Dirigent, Verehrer und Vorkämpfer für die Musik Dvoraks. Alles das hat ihn zur Komposition der "Biblischen Lieder" angeregt. Die Texte sind dem Buch der Psalmen entnommen. Dvorak hat die Texte aber ganz nach seinen Bedürfnissen für die Komposition zusammengestellt. Es kam ihm bei der Auswahl der Texte - immer sind es nur Teile von einzelnen Psalmen oder die Worte sind bei einem Lied aus mehreren Psalmen zusammengestellt - mehr auf eine ausgewogene musikalische Form der Gesamtkonzeption der zehn Lieder an als auf philologische Treue. Der Inhalt der von Dvorak ausgewählten Psalmtexte für den Zyklus der "Biblischen Lieder" umfasst eine ganze Skala von Stimmungen: Gottesfurcht, Angst, Unterwerfung und Hingabe an die Allmacht Gottes wechseln ab mit Gottvertrauen und Lobpreisungen auf Gottes Ehre und Herrlichkeit. Dvorak war ein tief religiöser Mensch. Die "Biblischen Lieder" sind Ausdruck seiner einfachen, natürlichen Frömmigkeit. Die Begleitung ist frei von äußerlichen Effekten. Dvorak hat noch in New York von den ersten fünf Liedern eine Fassung für Singstimme und kleines Orchester erstellt. Von jeher wurde die Klavierbegleitung aber auch auf der Orgel ausgeführt. Durch die Interpretation der Begleitung auf der Orgel entsteht eine Annäherung an die Orchesterfassung. Die Messe D-Dur nimmt eine Sonderstellung innerhalb der Kirchenmusik Dvoraks ein. Von ihrer formalen Ausdehnung her ist sie durchaus groß angelegt und braucht den Vergleich mit den großen romantischen Messenvertonungen von Franz Schubert bis hin zu Anton Bruckner nicht zu scheuen. Die Besetzung des Werkes ist in der Erstfassung, die im heutigen Konzert zu hören ist, aber sehr klein gehalten: Sie umfasst nur vier Vokalsolisten, Chor und Orgel. Dies liegt an der Entstehungsgeschichte des Werkes. Der Architekt Josef Hlavka bat den von ihm hoch geachteten Dvorak um eine Messkomposition zur Einweihung der Kapelle auf seinem Gut in Luzany (Südwestböhmen). Der kunstsinnige Hlavka, dessen Gattin Zdenka eine gute Pianistin und große Verehrerin der Musik Dvoraks war, hatte die tschechische Akademie der Kunst und der Wissenschaften in Prag gegründet und war deren erster Präsident. Dvorak nahm den Auftrag an, entsprach dem Wunsch Hlavkas nach einer kleinen Besetzung und komponierte die Messe im Frühjahr 1887. Fünf Jahre nach der Entstehung erstellte Dvorak auf Drängen des Londoner Verlagshauses Novello zwar eine Orchesterfassung der Messe, die kleiner besetzte Erstfassung erfreut sich aber nach wie vor großer Beliebtheit. Ebenso wie die "Biblischen Lieder" ist auch die Messe D-Dur in ihrer volkstümlichen Anlage Ausdruck der einfachen und natürlichen Frömmigkeit Dvoraks und, wie er in einem Brief im Jahr 1894 schreibt, sein "persönliches Zeugnis von Glaube, Hoffnung und Liebe zu Gott". |