KonzertkritikSüdkurier, 29.03.2006:Mit "Kontraste" hatte der Kammerchor Stockach sein schon traditionelles Konzert in der Melanchthonkirche zur Fasten zeit überschrieben. Es waren die Werke aus unterschiedlichen Epochen und unterschiedlichen Ländern, beginnend in der Renaissance und endend in der modernen englischen Kirchenmusik, die deutlich unterscheidbares musikalisches Empfinden und kompositorischen Ausdruck zeigten. Chorleiter Mathias Trost und Organistin Dina Trost hatten sich bei der Literaturauswahl eng aufeinander abgestimmt, so dass sich die a capella vorgetragenen Chorstücke mit den Orgelwerken wunderbar ergänzten und den Eindruck aus den jeweiligen musikalischen Epochen noch vertieften. Vier Werke aus der Renaissance standen zu Beginn des Konzerts, zu dem sich über 100 Besucher in der evangelischen Kirche eingefunden hatten. "Cantate Domino" - "Singet dem Herrn", forderte der Chor zu Beginn mit überzeugendem Selbstbewusstsein. Dieser Vertonung des 96-sten Psalms von Hans Leo Hassler (1562 - 1612), dem bedeutenden deutschen Matrigalisten, folgten zwei Motetten des frankoflämischen Komponisten Orlando di Lasso (1532 - 1594). Wunderschön und ergreifend, wie der Chor die Bitte "Herr, wende dich zu mir" herausarbeitete, um dann hoffnungsfroh "salvum me fac" - "mach, dass ich erlöst werde", im neuen Thema zu intonieren. Bei dieser engen Bindung von Text und Melodie ist der Zuhörer dankbar, wenn er die Textzeilen, ob in Latein, Französisch und Englisch, auf deutsch mitlesen kann, wie es der Kammerchor im gedruckten Programm immer möglich macht. Noch eindringlicher wird damit die religiöse Botschaft, noch mehr lässt sich über die Komponisten staunen, die ihren Glauben in diesen Klängen auszudrücken verstehen. Lasso, der ab 1564 bis zum Tode Kapellmeister in München war und etwa 1200 Liedmotetten komponierte, war neben Palestrina der bedeutendste Komponist dieser Gattung. Seine Werke zeigen motivische Melodik sowie eine differenzierte musikalische Textausdeutung, gepaart mit virtuoser Kontrapunktik und Harmonik mit kühnen chromatischen Wendungen. Dina Trost setzte an der Orgel den Abschluss unter die Renaissance-Epoche mit "Bergamasca" aus den "Fiori musicali" - Orgel von Girolamo Frescobaldi (1583 - 1643). ![]() Konzert in der Melanchthonkirche Der Österreicher Anton Bruckner (1824 - 1896) komponierte fast ausschließlich Sinfonien und Messen sowie Vokalmotetten. Auch seine Motetten "Iam lucis orto sidere", "Locus iste" und "Christus factus est", die der Kammerchor aufführte, waren geprägt von seiner tiefe Frömmigkeit. Im Gegensatz zu den Stücken aus der Renaissance und ihren klaren Melodielinien stand hier der harmonische Klang im Vordergrund, die Widerspiegelung der Seelenlage in der Musik. Diesen Klangbildern kann man sich hingegeben - sie tragen. Auch die Sonate Nr.1 d-Moll von August G. Ritter, mit der Dina Trost den gesamten Tonumfang der Orgel in Melanchthon forderte, nahm den Zuhörer mit in die Tiefen des Bangens, um ihn dann nach oben zu tragen in tröstlichen Melodien; ein faszinierendes Werk. Französische Sprache, umschmeichelt von der Musik des französischen Romantikers Maurice Duruflé (1902 - 1986) ist Hörgenuss pur. Selten wurde ein "Vater unser" inniglicher vertont. Der sechsstimmige Frauenchor besang im Anschluss "Tota pulchra es, Maria" - "Vollkommen schön bist du". Ein eher ungewöhnlichesKlangbild, bei dem die Sängerinnen die diffizilen Harmonien souverän meisterten. Nach "Ubi caritas", ebenfalls von Durufle, setzte wiederum Dina Trost den Abschluss unter diese Stilepoche mit dem "Choral dorien" von Jehan Alain (1911 - 1940). Von Frankreich führte das Programm über den Kanal in das moderne England. John Stainer (1840-1901) war Komponist, Organist (unter anderem an der Londoner St Paul's Cathedral) und Musikwissenschaftler. Der Kammerchor brachte ein Lied aus seinem Werk The Crucifixion ("Die Kreuzigung"), einem englischen Oratorium zur Passion, zu Gehör. Hier in Deutschland nahezu unbekannt, ist es doch eines der meist aufgeführten Werke zur Passionszeit im englischen Sprachraum. Richard Shephard (*1949) vertonte das Gebot Gottes: "Liebt euch untereinander, wie ich euch liebe", voll ergreifender Hoffnung. Der 1945 geborene John Rutter komponiert anspruchsvolle zeitgenössische, geistliche Musik und ist beiderseits des Atlantiks als Dirigent und Komponist bekannt. Mit dem von ihm vertonten altenglischen Gebet "God be in my head" - Gott sei stets bei mir - setzte der Chor einen gefühlvollen Schluss unter seinen Vortrag. "Werde munter mein Gemüte" stimmte Dina Trost auf der Orgel an. Mit ihrem leichten Spiel fesselte sie nochmals ihre Zuhörer, ließ diese vielleicht damit zurückblicken auf den sonnigen Frühlingstag. Vom stürmisch applaudierenden Publikum aufgefordert, gab der Chor mit "La Nuit" eine Zugabe.
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