Gesungener Glaube an Gott

Geistliches Konzert mit Kammerchor, Organistin Stephanie Mertens und Stefan Gräsle (Cello) in Stockach

Südkurier, 21.03.2007:
Exaudi, Deus, orationem meam“ (Erhöre, Gott, mein Gebet) intoniert vierstimmig, warm und weich der vierreihig im Altarraum postierte Stockacher Kammerchor mit Orlando di Lasso. Lyrisch zarte Klänge in getragenen Tempi, die den Blick nach innen lenken, schickt Stefanie Mertens mit dem Bach-Choral „Ich ruf’ zu dir, Herr Jesu Christ“ in die gut besuchte Melanchthon-Kirche. „In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht“, beginnt Petra Domm mit klarer Stimme das Gedicht zu rezitieren, das Dietrich Bonhoeffer um 1943 im Konzentrationslager für seine Mitgefangenen schrieb. „Ob ich lebe oder sterbe, du bist bei mir, mein Gott“, ist die zentrale Botschaft Bonhoeffers. Die Botschaft ist gleichzeitig auch sinngebend für das inspirierende geistliche Konzert, das programmatisch als Einheit konzipiert und mit jeweils thematisch bezogenen Gedichten unter anderem aus Taizé und von Johann Wolfgang von Goethe durchflochten ist.
Mit einfühlender Präzision führt Mathias Trost seine bestens disponierten, homogen zusammenwirkenden Sänger durch Motetten großer Meister von der Renaissance bis zur Moderne. Kein Wort geht verloren in der gut pronononcierten und mit lebhafter Frische gesungenen Schütz- Motette „Wie nun, ihr Herren, seid ihr stumm?“, das sich in seiner Aussage genauso der „Klage, Angst und Sorge“ widmet wie das nachfolgend in samtener Weichheit intonierte „Domine, convertere“. Die, wie alle Stücke, a capella gesungene Mottete klingt so berührend schön, dass ein Kleinkind in den hinteren Reihen selig aufjauchzt. Innig beseelt und in schönstem Sinne schlicht ist auch der von Stephanie Mertens auf der Emporenorgel gespielte zweite Satz aus Bachs Triosonate in C, der dem Programmblock zum Thema „Klage, Angst, Sorge“ einen letzten Impuls setzt. „Schweigen heißt, mich loslassen – nur einen winzigen Augenblick“ ist die rezitierte Botschaft zum Schweigen vor Gott, mit Gott und in Gott. Sie führt zu den vielfarbig nuanciert gesungenen, bewegten Melodiebögen der vierstimmigen Motette „Meine Seel’ ist stille zu Gott“ von Moritz Hauptmann, bei dem passagenweise die Bässe aus dem dicht gewirkten und doch transparenten Klangbild hervortreten. Fast zum Weinen schön gesungen ist die Motette „Er beschirmt dich mit seinen Flügeln“ des Zeitgenossen Alan Wilson (geboren 1947). Das inspirierende Erleben wird pointiert mit dem klangvollen Eröffnungssatz (Allegro con brio) aus der vierten Mendelssohn- Orgelsonate. Tiefe Religiosität atmet der Mittelsatz, während das Allegretto mit fast tänzerischer Leichtigkeit durch die Akustik schwebt. Den letzten Satz, ein in prächtigem B-Dur- Glanz erstrahlendes Allegro maestoso e vivace, gestaltet die junge Orgelkünstlerin vor dem abschließenden gesungenen Segen in frischem musikalischem Spielgestus. Großartig und sehr intensiv gestaltet der Kammerchor das dramaturgisch mit Sprechgesängen fesselnd aufgebaute „Vater unser“ des Zeitgenossen Stockmeier, das mit dem von den Sopranen in stoischer Beharrlichkeit geforderten „Unser täglich Brot gib uns heute“ vor schlicht gesprochenem „Amen“ ins Atonale gipfelt. Ausgewogen runde Harmonien beschert (bei leichten Schwankungen in der Intonation) die mit Heinrich Schütz fünfstimmig gesungene Friedensbitte. Lang anhaltender Applaus folgt am Ende vor vollem Glockengeläut dem inspirierten Nachspüren. Gaby Rieger